Informationsforum: HipHop auf Nordeuropäisch

Heute hätte im Institut für Fennistik und Skandinavistik der Universität Greifswald das Informationsforum stattgefunden, welches seit vielen Jahren zahlreiche Studierende und Interessierte anlockt. Im Rahmen des Forums wurden bisher viele spannende Themen aufgegriffen. Auch in diesem Jahr sollte diese Tradition mit dem Thema „HipHop auf Nordeuropäisch“ fortgeführt werden. Wir hatten uns schon sehr auf die Veranstaltung gefreut. Doch es gibt gute Neuigkeiten: Das Thema des diesjährigen Informationsforums wird mit ins nächste Jahr genommen und die zu diesem Jahr eingeladenen ExpertInnen werden nächstes Jahr nach Greifswald anreisen.

Um euch einen Einblick in das Konzept des Informationsforums und in das Thema bieten zu können, haben wir ein Interview mit Arnt Sundstøl, dem Norwegischlektor des Instituts und Mitinitiator des Informationsforums, geführt. Viel Spaß beim Lesen!

Was ist das Informationsforum und wer organisiert es?

Das Infoforum wird in der schönen Frühlingszeit in Greifswald seit 15 Jahren von den Lektoraten am Institut für Fennistik und Skandinavistik in Greifswald arrangiert. Der Fachschaftsrat trägt dazu bei, dass es reibungslos abläuft. Da das Forum gleichzeitig mit dem Nordischen Klang stattfindet, ist es in das Festivalprogramm integriert.

Wenn wir gemeinsam ein nordisches Thema gefunden haben, laden wir verschiedene Fachleute, ExpertInnen, KünstlerInnen usw. aus den nordischen Ländern ein. Letztes Jahr stand der Wohlfahrtstat im Zentrum, lebhaft präsentiert von zwei Forschern und zwei Journalisten. In früheren Jahren haben wir u.a. Themen wie Nordic Noir, Comics, Mode und nordisches Essen gehabt. Das aktuelle Thema wird dann auch in unseren Seminaren integriert. Die Studierenden und andere beteiligen sich im Forum mit Fragen und Kommentaren und können neue Impulse und Kontakte bekommen. Ich erinnere mich z.B. letztes Jahr, da hat sich eine Studentin mehrfach mit einem der zwei Wissenschaftler unterhalten und später erzählt, wie sie einen Artikel von ihm in ihrer Bachelorarbeit benutzt hat. So etwas ist schön zu hören. Manchmal tragen die Teilnehmenden auch mit Lesungen oder anderen Aktivitäten in der Stadt bei. Als der norwegische Krimiautor Torkil Damhaug zu Besuch war, wurde eine Lesung in der Stadtbibliothek Greifswald zusammen mit seinem deutschen Übersetzer veranstaltet. 

Es ist eine tolle Sache, tüchtige Personen aus dem Norden nach Greifswald einladen zu können. Die Finanzierung haben wir hauptsächlich von dem Kooperationskomitee für nordische Bildung im Ausland erhalten, wofür wir sehr dankbar sind. Auch von den einzelnen Ländern haben wir über die Jahre gute Unterstützung bekommen.

Was macht ein Thema für das Forum interessant und wie kam es zur diesjährigen Themenauswahl „Hip-Hop auf Nordisch“?

Mit der diesjährigen Themenwahl wollten wir vor allem die Studierenden, das Personal am Institut und anderen die Möglichkeit geben, einen wichtigen Teil der Populärkultur in den verschiedenen Ländern kennenzulernen. Im Prinzip ist es natürlich möglich und sicher interessant, rein historische Themen zu wählen. Dass das Thema aber eine gewisse gegenwärtige Relevanz hat und sich gut in den Unterricht einbringen lässt, ist jedoch ein Vorteil. Entscheidend ist natürlich auch, dass es zu allen Ländern passt. Bei Hip-Hop trifft das zu. Wir können aktuelle und zum Teil kontroverse gesellschaftliche Themen ansprechen. Und im Sprachunterricht werden wir uns fachliche Begriffe wie Mehrsprachigkeit, Slang und das sogenannte Codeswitching vornehmen. Es war eine Enttäuschung, dass das diesjährige Forum nicht arrangiert werden konnte. Zum Glück ist es uns möglich gemacht worden, das Geld, die Teilnehmenden und die Planung mit ins nächste Jahr zu nehmen.

Können Sie kurz erklären, was Hip-Hop ist? Und wissen Sie, wann und wie Hip-Hop nach Norden gekommen ist?

Ja, was ist Hip-Hop? Man hat einen Begriff und stellt sich oft vor, dass es dazu eine nahezu einheitliche Wirklichkeit gibt. Hip-Hop hat mehrere Bedeutungen. Im Duden wird Hip-Hop auf der einen Seite, als ein auf dem Rap basierender Musikstil, der durch elektronisch erzeugte, stark rhythmisierte und melodienarme Musik gekennzeichnet ist, beschrieben. Auf der anderen Seite heißt es, dass es eine urbane Subkultur ist, die in den 1970-Jahren in den afroamerikanischen Vierteln New Yorks entstanden ist und die u. a. von Rap und Graffiti geprägt ist. Es gibt auch ganz andere Definitionen und Beschreibungen. Es ist aber interessant, dass sich diese lokale Subkultur und dieser Musikstil aus den ärmeren Vierteln amerikanischer Großstädte zu einer globalen Massenindustrie, die zum Teil sehr stark kommerzialisiert ist, entwickelt hat. Man kann aber auch über den ganzen Globus beobachten, dass Hip-Hop eine starke lokale Verankerung hat und oft Antimainstream ist, so wie es am Anfang in New York auch nach dem Mythos war.

In Norwegen hat die Entwicklung vor allem mit dem Film Beat Streets aus dem Jahr 1984 in den größeren Städten angefangen. Damals war Breakdance eine wichtige Komponente. Später kam Graffiti dazu. In den anderen Ländern gab es eine ähnliche, obwohl nicht ganz identische, Entwicklung.

Welche ExpertInnen waren für das diesjährige Informationsforum eingeladen und welche Vortragsthemen waren geplant?

In diesem Jahr waren fünf Teilnehmende aus den nordischen Ländern und Estland eingeladen. Die Vielfalt ist uns wichtig. Deshalb haben wir sowohl AkademikerInnen als auch JournalistInnen, SchriftstellerInnen und DJs eingeladen. Wir wollten tagsüber das Thema besprechen und analysieren, am Abend dann aber die DJs auflegen lassen.

Zu der letzten Kategorie gehört der 22 Jahre alte Neit-Eerik Nestor aus Estland. Er ist Hip-Hop-Enthusiast und DJ mit einer Vorliebe für gegenwärtigen Hip-Hop und Trap. Wie alle anderen hat er zum Glück versprochen, im nächsten Jahr zu kommen, wenn es dann so weit ist. Aus Finnland kommt Inka Rantakallio. Sie ist auch als DJane tätig, gleichzeitig Wissenschaftlerin und Journalistin. Ihr DJane-Repertoire besteht aus Rap, Hip-Hop, Trap, R&B, Dancehall und Afrobeat. Inka Rantakallio interessiert sich besonders für weibliche Künstlerinnen und Hip-Hop-Feminismus, ein von ihr verwendeter Ausdruck. Dass es feministischen Hip-Hop gibt, passt sehr gut zu der widerspenstigen Seite des Hip-Hops, ein Stil, der ja manchmal mit großmäuligen und misogynen Jungs verbunden wird.

Aus Dänemark wird Jonas Kleinschmidts anreisen. Er ist ein relativ junger Romancier mit einer starken Vorliebe für Hip-Hop. Er wird erzählen, wie der Hip-Hop zuerst bei jungen Männern aus der Mittelschicht in Dänemark ankam, bevor er ein Sprachrohr für Jugendliche aus Arbeiter- und Einwandererfamilien wurde. Johan Söderman ist ein schwedischer Wissenschaftler, der die globale Hip-Hop-Kultur als eines seiner Hauptforschungsthemen hat. Er hat beobachtet, dass sich eine neue Art Hip-Hop in den letzten Jahren in einigen segregierten Stadtteilen entwickelt hat, der Kriminalität, Gewalt und Drogen zum Teil verherrlicht. Aus Norwegen kommt der Journalist, Schriftsteller und Comiczeichner Øyvind Holen. Er hat mehrere Bücher über Hip-Hop in Norwegen veröffentlicht. Er wird beschreiben, wie sich Jugendliche mit Migrationshintergrund manchmal weder mit der norwegischen noch mit der Kultur der Eltern identifizieren können. Hip-Hop beschreibt dann eine Wirklichkeit, in der sie sich zum Teil wiederkennen. Er bietet Zugehörigkeit und die Möglichkeit, eine Identität zu schaffen.

Gibt es Themen, die besonders häufig von nordischen Hip-Hop-KünstlerInnen aufgegriffen und in Songs angesprochen werden?

Es gibt eine große Vielfalt unter den nordischen Hip-Hop-KünstlerInnen. Für die meisten gilt aber, dass sie sich als Teil einer globalen Gemeinschaft sehen. Gleichzeitig beschäftigen sie sich mit lokalen Themen. Was heißt es z.B. samisch, finnisch oder norwegisch zu sein? Obwohl es nicht immer so ist, hat Hip-Hop viele marginalisierte und zum Teil unterprivilegierte Gruppen eine Stimme verliehen. Es gibt Lieder, die von Sex, Drogen, Geld usw. handeln. Öfter aber geht es um Themen wie Identität, Ethnizität, Diskriminierung, Rassismus, schlechte Politik und Zugehörigkeit, nicht selten fehlende Zugehörigkeit. Jugendliche aus Grönland benutzen Hip-Hop, um sich gegen Alkoholismus, schlechte Erziehung und dänische Unterdrückung zu stellen. In Norwegen erzählt das Duo Karpe Diem über ihr Leben als Schwarze auf der Westseite Oslos, einem eher wohlhabenden Teil der Stadt. Sie sind privilegiert, aber auf andere Weise auch nicht. Sie sind sehr groß geworden. Einer Zeitung zufolge hat es 2016 nur 13 Minuten gedauert, bis 27.000 Tickets für drei Konzerte verkauft waren.

Wird die nordische Hip-Hop-Musik größtenteils in den jeweiligen Sprachen oder auf Englisch produziert? Kommt es zu sprachlichen Veränderungen in den nordischen Sprachen bzw. in der norwegischen Sprache aufgrund der zentralen Rolle des Hip-Hops in der Populärkultur?

In Dänemark wurde von Anfang an meistens auf Dänisch gerappt. In Finnland, Schweden und Norwegen hat man anfangs auch oft Englisch benutzt. Das hat sich aber geändert. In den nordischen Ländern singen oder rappen die allermeisten KünstlerInnen heutzutage auf ihrer Landessprache, oft mit Wörtern und Ausdrücken aus anderen Sprachen. Das gilt auch für KünstlerInnen mit Migrationshintergrund. Lokale Dialekte und Soziolekte werden häufig benutzt. Das ist wichtig, da die Texte gern lokale Geschichten erzählen. In Finnland wird auf Enaresamisch gerappt, eine sehr bedrohte Sprache, die nur noch von ungefähr 300 Menschen gesprochen wird. Und die Grönländer rappen jetzt auf Grönländisch. Mit Sicherheit hat Hip-Hop einen gewissen Einfluss auf die Jugendsprache einiger Gruppen gehabt. In Norwegen ist ein neues Verb musikke entstanden, das zu rappen oder sich mit Hip-Hop zu beschäftigen bedeutet. Wie in Deutschland benutzen wir sonst das aus dem Französischen stammende Wort musizieren. Ich glaube aber nicht, dass es wegen Hip-Hop allein zu wirklich großen Änderungen in der Sprache gekommen ist.

Interessieren Sie sich selbst für Hip-Hop?

Was Musik angeht, bin ich ziemlich offen. Ich bin aber gleichzeitig wählerisch. Ich höre Jazz, klassische Musik, Soul, Pop, Rock und andere Musikformen. Dazu gehört auch Hip-Hop, obwohl ich kein besonders großer Hip-Hop-Fan bin. Es war Anfang der 1980-Jahre, als ich zum ersten Mal in Berührung mit Hip-Hop kam. Ich war auf einer Hütte auf einer Insel im Oslofjord. Ein Freund hatte eine Kassette mitgebracht, wo er New York New York von Grandmaster Flash & The Furious Five aufgenommen hatte. Das war wirklich etwas Neues. Umgeben von dieser schönen Natur haben wir es wieder und wieder zurückgespult und erneut gehört. „A castle in the sky, one mile high/Built to shelter the rich and greedy […] I’m living in the land of plenty and many/But I’m damn sure poor and I don’t know why.” Wir fanden es beeindruckend und sehr cool. Später habe ich z. B. Beasty Boys und Gang Starr gehört. Mehr neulich sind mir Kendrick Lamar und Anderson Paak aufgefallen. Letzterer hat auch viel R&B und Soul dabei, klare Hip-Hop-Elemente aber auch. Norwegischen Hip-Hop habe ich selbst nicht so oft gehört. Der Musikstil ist sehr groß in meinem Heimatland, so wie in den anderen nordischen Ländern. Ich habe mehrfach Songs im Unterricht benutzt, wo wir uns danach mit den Texten auseinandergesetzt haben. Es gibt wirklich nicht so schlechte Sachen da. Und es ist spannend zu sehen, wie die Sprache in Bewegung bleibt.

Wir bedanken uns bei Arnt Sundstøl für das interessante und aufschlussreiche Interview und freuen uns schon auf das Informationsforum im nächsten Jahr!

Text: Luise Helling