Interview mit Karmen Rõivassepp

2020 trat sie leider nur per Video für den Nordischen Klang auf. Dieses Jahr wird die Künstlerin mit der klaren Stimme hoffentlich live in Greifswald zu sehen sein. Karmen Rõivassepp kommt eigentlich aus Estland, verfolgt ihre musikalischen Ziele aber aktuell in Dänemark. Hier hat sie ein paar Fragen zu ihrem künstlerischen Schaffen beantwortet.

Du bist Jazzsängerin. Warum Jazz? Und welche Musikrichtungen magst du außerdem?

Ich hatte schon immer das Bedürfnis zu improvisieren, seit ich ein kleines Kind war. Ich habe in sehr jungem Alter mit dem klassischen Piano angefangen, aber ich habe nie völlig die Schönheit daran verstanden und immer das Gefühl gehabt, dass dabei eine gewisse Freiheit fehlte. Also fing ich an, meine eigenen kleinen Song-Skizzen zu schreiben und machte erste Erfahrung mit Improvisation. Seitdem war es um mich geschehen. Ich denke, es ist die Gemeinschaft, das gemeinsame Schaffen, und nicht genau zu wissen, wohin die Dinge führen – das macht es so aufregend für mich.

Wo hast du Simon Eskildsen, Adrian Christensen und Daniel Sommer kennengelernt?

Seit 2012 habe ich mit den Jungs getrennt voneinander in unterschiedlichen Konstellationen gespielt. Wir haben an der gleichen Musikakademie in Aarhus studiert, und da das Jazzmilieu hier sehr klein ist, war klar, dass man früher oder später alle kennenlernen würde. Es hat nur eine Weile gedauert, die drei in der gleichen Band zu versammeln. Doch am Ende hätte es keinen besseren Zeitpunkt dafür geben können – und jetzt sind wir hier schon vier Jahre zusammen und haben eine wunderbare gemeinsame Zeit.

Was magst du am meisten an eurer Zusammenarbeit?

Ich finde, dass jeder von uns etwas einzigartiges mitbringt, musikalisch wie auch praktisch. Es funktioniert, weil alle von uns den gemeinsamen Wunsch haben, dass es funktioniert und dass wir in Bewegung bleiben. Ich denke, dass ist das, was ich am meisten liebe – den Fakt, dass wir alle so eifrig sind weiterzuarbeiten und besser zu werden und unsere Musikalität zu entwickeln und Sachen auszuprobieren, die neu und aufregend für uns sind. Es gibt nichts besseres als sich zugehörig zu fühlen, und genau so erlebe ich es mit den Jungs .

Wo und wie findest du Inspiration für neue Melodien und Texte?

Es gibt so viele mögliche Wege beim Komponieren, aber für mich ist der zündende Funke eine gefühlsbedingte Idee. Meine Musik dreht sich viel um die Dinge, die ich im täglichen Leben erfahre, oder um Ereignisse, die mich irgendwie berührt oder verändert haben. Und dann gibt es natürlich noch eine Million Kompositionstechniken, die ich für die Entwicklung des melodischen und harmonischen Materials nutze. Aber alles ist verwurzelt in einem bestimmten emotionalen Erlebnis.

Man kann lesen, dass deine Familie musikalisch ist. Kommt daher auch deine Begeisterung für Musik?

Meine Familie ist der entscheidenste Grund dafür, dass ich Musikerin wurde. Die endlose Freude für die Musik, für das Singen und das Piano Spielen in meiner Famile ließ mich zum ersten Mal realisieren, dass das etwas für den Rest meines Lebens sein könnte. Es waren meine Geschwister, die immer MTV hörten oder online mit mir wahnsinnig gute Musik teilten, und es waren meine Eltern, die mich immer unterstützt und sogar ermutigt haben, mich in der Musik ausbilden zu lassen. Ohne sie würde ich vermutlich etwas komplett anderes machen.

Was würdest du denn machen, wenn du keine Musikerin wärst?

Ich wollte Jura oder Medizin studieren, wenn ich bei der Akademie in Estland nicht angenommen worden wäre. Ich wäre wahrscheinlich Therapeutin oder Psychiaterin geworden. Ich war immer fasziniert von Themen, die etwas mit der Psyche zu tun haben. Da ich selber schon mit Ängsten zu kämpfen hatte, interessiere ich mich weiterhin sehr dafür. Wenn die Welt sich aufgrund der Coronapandemie geändert hat, müsste ich mich vielleicht nur für eine neue Ausbildung melden?

2012 bist du nach Dänemark zum Studium nach Aarhus gezogen. Was ist das Besondere an dieser Universität?

Ich bin umgezogen, nachdem ich ein Jahr an der Akademie in Tallinn Musik studiert habe. Als Austauschstudentin kam ich für ein Jahr nach Dänemark, hauptsächlich um zu sehen, wie die Dinge außerhalb Estlands angegangen und unterrichtet werden. Zu dieser Zeit zweifelte ich immer noch sehr, ob ich in der Zukunft in der Musik meine Berufung finden würde. Die Akademie in Aarhus hat mir allerdings viele Türen geöffnet. Es war wichtig, gleichdenkende Leute zu treffen, die vielleicht genau so verloren waren wie ich, um den eigenen Stil und eigene Ideen zu entwickeln. Ich hatte die Freiheit, alles machen zu können, was ich wollte; und das – kombiniert mit dem Ortswechsel und den erstklassigen Einrichtungen – erlaubte mir, meine Kreativität frei laufen zu lassen. Da entschied ich zu bleiben und das war wahrscheinlich die beste Entscheidung, die ich je getroffen habe.

Was kannst du über das Jazzmilieu sagen? Gibt es einen großen Unterschied zwischen Dänemark und Estland?

Ich würde sagen, der größte Unterschied zwischen Estland und Dänemark ist die Landesgröße. Die Jazzszene in Estland ist extrem klein und es kann schwierig sein, erst einmal akzeptiert zu werden und dann aus den Leuten hervorzustechen, die gleichermaßen talentiert und zielorientiert sind. In Dänemark gibt es hingegen eher den Platz für Menschen, die ähnliche Dinge tun, aber jeder hat trotzdem meist sein eigenes Publikum.

Denkst du, dass das Jazzpublikum altert oder dass der Jazz weiterhin ein junges Publikum hat?

Das ist eine wirklich schwere Frage. Ich denke, was wir erkennen müssen, ist, dass Jazz als Genre in steter Entwicklung ist. Ich persönlich kenne so viele Jazzmusiker*innen, die durch Umwandlungen verschiedener und populärerer Stile ein junges Publikum anziehen. Ja, oldschool Mainstream Jazz mag eher ältere Generationen reizen (obwohl ich eine Menge junger Menschen kenne, die ebenfalls total darauf abfahren). Aber wenn wir über Hiphop-inspirierten, Indie oder Electronic Jazz reden, denke ich, dass so etwas definitiv die junge Generation fesselt. Also hängt es wirklich davon ab, was man als Jazzmusik sieht.

Welches war das schönste Kompliment, das du je nach einem Auftritt bekommen hast?

Ich denke das übliche, aber irgendwie ist das beste Kompliment, wenn Leute zu dir kommen und sagen, dass sie die Jazzmusik nie richtig mochten oder verstanden haben, aber dass unser Konzert ihre Ansicht, wie sie Jazzmusik und Jazzsänger*innen wahrnehmen, verändert hat.

Was für Musik hörst du privat?

Ich höre alles und jeden. Es gibt keine Grenzen für mich. Wenn ich mir was auflege, dann soll es mich inspirieren. Und das kann buchstäblich alles mögliche sein – von Klassik zu Mainstream Jazz zu Indie zu Neo-Soul zu Electronica zu Tanzmusik. Derzeit gibt es kein Limit, was natürlich Fluch und Segen zugleich ist, aber es ist definitiv sehr inspirierend!

Welche positiven und negativen Konsequenzen hast du durch die Coronakrise erlebt? Verbringst du mehr Zeit zuhause und arbeitest an neuen Ideen und Projekten, oder vermisst du die Bühne und zu reisen? Wie ist die aktuelle Lage für Musikschaffende in Dänemark?

Das Positivste, an das ich bei all der vielen Zeit denken kann, ist die Arbeit an meiner Stimme. Es war endlich genug Ruhe, um an meiner Gesangstechnik und der Musikalität zu arbeiten. Und ich muss mehr Zeit zuhause in Estland bei meiner Familie verbringen. Das war besonders wichtig, da ich lange außer Landes gelebt habe. Also dafür bin ich extrem dankbar. Ein weiterer Vorteil ist, dass ich mir viel bewusster über meine psychische und mentale Gesundheit wurde. Insofern ist nicht alles so schlecht… Aber unabhängig davon, bemerkt man nun die vielen Dinge, die im System falsch laufen – insbesondere wenn man ein*e Freiberufler*in während einer Krise ist. Wo plötzlich unser Beruf zu einem Hobby degradiert wird, das nicht als notwendiger Teil der Gesellschaft angesehen wird. Wo Leute mit jahrelanger Erfahrung im Geschäft ihre Instrumente verkaufen, ihre Beschäftigung wechseln oder zeitweise eine andere Arbeit finden mussten. Es geht um das Neuerfinden von sich selbst, um in die virtuelle Realität zu passen, wo niemand willens ist, jemanden für die Arbeit zu bezahlen, für die derjenige Leidenschaft hat. Nutzlos zu sagen, dass man nur so viel neu an sich erfinden kann, wenn die Karriere auf Interaktion und das Spielen vor einem Live-Publikum fußt. Alle von uns brauchen einen Plan B, aber gleichzeitig scheint es extrem unfair, unsere Situation mit der von Leuten zu vergleichen, die im öffentlichen Bereich arbeiten und in bezahlten Urlaub geschickt wurden. Ich habe nicht die Absicht als bitter und anschuldigend dazustehen, denn ich habe den Beruf, den ich gewählt habe. Jedoch gibt es kein Fach in der Musikausbildung, das auf das Bewältigen einer Pandemie vorbereitet, während die Regierung unzureichende Unterstützung für die tausenden und abertausenden Menschen leistet, die betroffen sind.

Mit welchem Musiker würdest du gerne mal in der Zukunft spielen? Und in welchem Land oder in welcher Stadt, wo du noch nie warst, würdest du gerne ein Konzert geben?

Ich war nie eine große Visionärin oder Träumerin, aber ich hoffe, dass ich eines Tages regelmäßig außerhalb Dänemarks spielen werde. Ich liebe es total, aufzutreten und neue Menschen zu treffen und aufregende Kulturen zu erleben. Es ist wahrscheinlich albern, angesichts Corona auch nur daran zu denken, das eigene Haus zu verlassen, aber man weiß nie, es könnte ja doch wahr werden!

Worauf freust du dich in Greifswald? Was erwartest du?

Das wird unser erstes Konzert in Deutschland! Wir freuen uns außerordentlich, die absolut großartige Nordischer Klang-Familie kennenzulernen, andere aufstrebende nordische Künstler*innen zu treffen und eine reale menschliche Erfahrung mit den wundervollen Greifswaldern zu haben!

(Das Interview führte und übersetzte Nina Babuliack.)

Lesung mit Bernd Wegner: Ottos Spur – Streifzüge durch die Kulturgeschichte Finnlands im “goldenen Zeitalter”

DO 20.5., 20:00 Uhr , online

Der Nordische Klang und Das finnische Buch e.V. laden herzlich zu der Lesung „Streifzüge durch die Kulturgeschichte Finnlands im ‘goldenen Zeitalter’“ mit Prof. em. Dr. Bernd Wegner (Hamburg) ein. Die Veranstaltung wird von Prof. em. Dr. Manfred Menger moderiert.

Wie war es möglich, dass sich eines der rückständigsten Länder Europas noch vor dem Ersten Weltkrieg binnen zweier Generationen zur modernsten parlamentarischen Demokratie des Kontinents entwickelte? Bernd Wegners Antwort ist klar: Durch Bildung! Der Beweis, den Bernd Wegner in seinem Buch „Ottos Spur“ für diese Behauptung antritt, ist nicht nur interessant, sondern ebenso originell wie überzeugend: Er zeichnet anhand privater Überlieferungen das Leben eines weitgehend unbekannten finnischen Journalisten, Schriftstellers und Politikers im ausgehenden 19. Jahrhundert nach und entwirft dabei das Porträt einer Gesellschaft, die auf dem Wege ist, sich von schwedischer und russischer Vorherrschaft zu befreien und eine eigenständige Nation zu werden.

Bernd Wegner, ein Kind des Ruhrgebiets, Jahrgang 1949, studierte an den Universitäten Tübingen, Wien und Hamburg Geschichte, Philosophie und Politikwissenschaft, beendete seine Studien 1980 mit der Promotion. Danach war er 15 Jahre am Militärgeschichtlichen Forschungsamt in Freiburg tätig, war Lehrbeauftragter am Historischen Seminar der Freiburger Albert-Ludwigs-Universität und unmittelbar nach der Wende Gastdozent an der Ernst-Moritz-Arndt-Universität in Greifswald. Nach seiner Habilitation (1995) durch den Fachbereich Geschichtswissenschaft der Universität Hamburg wurde Bernd Wegner zum Professor für Neuere Geschichte unter besonderer Berücksichtigung der Geschichte Westeuropas an der heutigen Helmut-Schmidt-Unversität Hamburg berufen. Seinem allgemein anerkannten Standardwerk zur Geschichte der Waffen-SS folgten zahlreiche weitere Publikationen, vorwiegend zur Weltkriegsgeschichte, zur Geschichte Finnlands und – zuletzt – zur Stadt Paris unter deutscher Besatzung.

Hier geht’s zum digitalen Festivalprogramm im Mai 2021.

Maja Nielsen Erzählt: Wikinger – Mit den Nordmännern auf Großer Fahrt

Foto privat

Beim Nordischen Klang begibt sich die Kinderbuchautorin Maja Nielsen mit den Wikingern auf große Fahrt und dann heißt es für Schulklassen: „Die Wikinger kommen!“ Viele hundert Jahre lang verbreitete dieser Ruf Angst und Schrecken. Doch die Nordmänner waren nicht nur gefürchtete Krieger und tollkühne Seefahrer, sondern auch wagemutige Entdecker. In offenen Booten befuhren sie den Nordatlantik, immer auf der Suche nach neuen Siedlungsgebieten. Zu den größten unter diesen großen Seefahrern zählen Erik der Rote und sein Sohn Leif. Doch stimmt es, was die alten Sagas erzählen? Ist Leif Eriksson tatsächlich bis nach Amerika vorgedrungen ─ 500 Jahre vor Kolumbus? Gemeinsam mit dem Weltumsegler Burghard Pieske nimmt uns Maja Nielsen mit auf große Fahrt in einem Drachenboot!

Die gebürtige Hamburgerin Maja Nielsen ist seit 1998 als Autorin täftig und sieht darin ihre Berufung. Zu dieser fand sie durch ihre Söhne. Bevor sie mit dem Schreiben begann, studierte Maja Nielsen an der Hochschule für Theater und Musik in Hamburg. Es folgten Theaterengagements, danach kam sie zum Hörfunk und fing mit dem Schreiben an. Ihre Bücher, u.a. die Kindersachbuchreihe „Abenteuer! Maja Nielsen erzählt!“, erscheinen seit 2006 im Gerstenberg Verlag und behandeln die unterschiedlichsten Themen aus Geschichte und Gegenwart.

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Wyborg – Ein Kennenlernabend zur FreundschaftsStadt Greifswalds

DI 11.5., 18:00, online

Hier ermöglicht das Alfried Krupp Wissenschaftskolleg Greifswald den Zugang zum digitalen Hörsaal. Organisatorische Hinweise sind ebenso dort zu finden. Mit einem Klick auf “Ich habe die organisatorischen und Datenschutzhinweise gelesen und möchte an der Digital Lecture teilnehmen” erfolgt der Zugang zum digitalen Hörsaal.

Öffentlicher Abendvortrag mit Kurzfilm und Musik im Rahmen des Nordischen Klangs 2021.

Wiborg: Vom Macao der Hanse zu einem Gashafen Russlands Dr. Robert Schweitzer – Vorsitzender des Forschungsausschusses der Aue-Stiftung (Helsinki)

anschließend Kurzfilm: „Wyborgs deutsche Vergangenheit“

Musik aus Wyborg: Folklore-Ensemble Veresk

Moderation: Kerstin und Greta Gebhardt

Viborg, Vyborg, Wiborg, Viipuri oder vielleicht doch Wyborg? Schon die Schreibweisen des Namens sind so vielfältig wie die Geschichte dieser heute russischen Stadt. Seit 2018 sind Wyborg und Greifswald durch eine Städtefreundschaft miteinander verbunden . Der Abend wird sich der Geschichte und Kultur der Stadt am finnischen Meerbusen widmen. Den Anfang macht Dr. Robert Schweitzer mit einem Vortrag über die Geschichte Wiborgs.

Wiborg: Vom Macao der Hanse zu einem Gashafen Russlands Dr. Robert Schweitzer – Vorsitzender des Forschungsausschusses der Aue-Stiftung (Helsinki)

Wiborg ist uns heute als die russische Mittelstadt westlich St. Petersburg bekannt, wo die Gas-Pipeline Nordstream 1 beginnt. In der Hansezeit lag es auf der Route, über die Kaufleute Russlandhandel trieben, obwohl ihre Städte Embargos beschlossen hatten. 1293 von Schweden auf Novgoroder Gebiet gegründet, wurde die Handelsstadt 1710 von Peter dem Großen erobert und kam bis 1940/44 zum seit 1809 im Russischen Reich autonomen und 1917 unabhängigen Finnland; die Erinnerungen an Wiborg haben einen ähnlichen Symbolwert wie die an Königsberg für Deutsche. Es war die zweitgrößte Stadt Finnlands und hatte neben der überwiegend finnischen Bevölkerung viele schwedisch, deutsch und russisch sprechende Einwohner; 1812 zählte die deutsche Minderheit noch 12,5% und war kulturell und politisch führend.

Dr. Robert Schweitzer war Stv. Direktor der Stadtbibliothek Lübeck und Lehrbeauftragter für Osteuropäische Geschichte. Er forscht zur Autonomie Finnlands und anderer Nationalitäten im Russischen Reich. Bei der Aue-Stiftung (Helsinki) ist er für die Forschungsaktivitäten zuständig mit dem Spezialgebiet „Geschichte der Deutschen in Finnland“.

Nach dem Vortrag folgt eine filmische Suche nach deutschen Spuren in Wyborg.

Kurzfilm: „Wyborgs deutsche Vergangenheit“

Der Film “Wyborgs deutsche Vergangenheit” ist eines der ersten Kooperationsprojekte, das im Zusammenhang mit Greifswalds jüngster Städtefreundschaft entstanden ist. Schüler des Humboldt-Gymnasiums in Greifswald produzierten 2020 ein Video zu Greifswalds Verbindungen zu Russland, während Schüler*innen des “Palastes der Kreativität” in Wyborg den Film “Wyborgs deutsche Vergangenheit” über deutsche Spuren in der karelischen Stadt drehten. Die jeweils 10-15 Schüler*innen, die in beiden Städten an diesem Projekt beteiligt waren, begaben sich gemeinsam mit ihren Lehrern auf Spurensuche in der Geschichte der jeweiligen Stadt. Erstmals aufgeführt wurde das Ergebnis Ende des letzten Jahres bei der Deutschen Woche in St. Petersburg.

Auf den Film “Wyborgs deutsche Vergangenheit” folgt ein Gruß der Folklore-Gruppe Veresk.

Musik aus Wyborg: Folklore-Ensemble Veresk

Aus dem russischen Wyborg kommt das Folklore-Ensemble Veresk (dt. Heidekraut). Gesang, Musik und Choreographie formen ihre einzigartige Bühnenshow.

In den Konzerten werden russische Volkslieder lebendig. Der Gruppe gelingt es, künstlerisch gestaltete ländliche Szenen, Musik, geistlichen Gesang und ausgelassene Quadrillentänze zu kombinieren. So entsteht russische Folklore-Polyphonie – bis hin zum modernen Folk-Rock! Wo auch immer ein Konzert von Veresk stattfindet, ob in ihrer Heimatstadt Wyborg oder einer anderen Stadt auf der Welt, kann man eine Atmosphäre von Leichtigkeit, positiver Energie und Freude erleben!

Im Laufe der Jahre wurden viele thematische Konzertprogramme produziert. Veresk ist ständig auf der Suche nach Wegen, um das gesammelte Folklorematerial neu zu interpretieren, ohne dabei dessen originalen ethnographischen Stil zu verändern.

Das Folklore-Ensemble Veresk ist eine professionelle Gruppe, Gewinner einer Vielzahl internationaler Wettbewerbe und Teilnehmer zahlreicher Festivals. Neben Russischen Kulturtagen gehören dazu auch internationale Festivals in den USA, Frankreich, Norwegen, Kanada, Afrika, Spanien, Polen, der Schweiz sowie Schweden und Deutschland.

Hier geht’s zum digitalen Festivalprogramm im Mai 2021.

Interview mit Camilla Granlien

Ingvil Skeie Ljones

Als musikalische Botschafterin von Greifswalds norwegischer Partnerstadt Hamar tritt dieses Jahr die Folkemusikksängerin Camilla Granlien beim Nordischen Klang auf. Jo Skaansar am Kontrabass wird sie begleiten. Bevor ihr Gesang und ihre Geschichten uns in der Musik schweben lassen, hat sie ein paar neugierige Fragen beantwortet:

Seit wann singst du professionell und wann wusstest du, dass das dein Beruf werden würde?

Ich arbeite seit 2005 als professionelle Sängerin. Als ich klein war, habe ich davon geträumt, Musikerin zu werden, also wusste ich es wahrscheinlich schon seit einiger Zeit. Es war mein größter Wunsch und Traum.

Hast du Gesangsvorbilder?

Es ist schwer, nur ein Vorbild zu nennen, deshalb muss ich hier mehrere nennen: Die Folksänger*innen Jarnfrid Kjøk, Rønnaug Vangen, Kristian P. Åsmundstad und Gjendine Slålien sind mir als Folksängerin wichtig. Es gibt weit mehr Inspirationsquellen, die ich auch viel aus anderen Genres höre, aber diesmal kann ich mich auf die Vorbilder der Folkemusikk konzentrieren.

Was war deine beste Entscheidung in deiner beruflichen Karriere?

Das war wahrscheinlich nur die, dass ich die Chance genutzt habe und es gewagt habe, eine freiberufliche Musikerin zu werden, mit all der Unsicherheit, die damit einhergeht.

Was würdest du machen, wenn du keine Musikerin wärst?

Ich müsste einen kreativen Beruf haben. Ich mag es sehr, Dinge zu nähen und zu kreieren, also vielleicht Kunst- und Handwerkslehrerin?

Kannst du auch ein Instrument spielen?

Ja, ich spiele Kontrabass und übe viel auf Gitarre und Ukulele.

Spielt jemand in deiner Familie ein Instrument oder musiziert?

Keiner meiner Eltern spielt ein Instrument, aber mein Mann spielt Hardangerfiedel und meine drei Töchter spielen Geige. Darüber hinaus spielt eine von ihnen auch Cello. Und jetzt wollen sie gerne noch Gitarre und Klavier lernen.

Was für Musik hörst du privat und welches ist dein aktuelles Lieblingslied?

Ich höre viele verschiedene Dinge. Ich mag Jazz, Lieder und Weisen, und alte Rockhelden wie Led Zeppelin und Black Sabbath. In letzter Zeit habe ich viel Country gehört. Neben all der Folkemusikk natürlich. Lieblingslied des Tages – sehr schwer zu wählen, aber „The Mother“ von Brandi Carlile macht Eindruck.

Du bist Folkemusikksängerin, aber was genau ist Folkemusikk? Kannst du die Musikrichtung beschreiben?

Folkemusikk ist sowohl Vokal- als auch Instrumentalmusik. Es ist die Musik, die von lokalen Musikern im ganzen Land gespielt wurde, bevor Radio und Fernsehen kamen. Ein Großteil der Musik, die ich benutze, wurde Mitte des 19. Jahrhunderts in Form von Noten festgehalten, aber die Lieder sind viel älter. Einige von ihnen stammen aus dem 12. und 13. Jahrhundert, andere aus dem 20. Jahrhundert. Manche der Lieder, insbesondere die mittelalterlichen Balladen, gelangten von Europa nach Norwegen und später dann von Norwegen in die USA aufgrund der Auswanderungen. Ich mag die Idee, dass es Musik ist, die uns zusammenhält. Es ist Musik, die von Person zu Person weitergegeben wurde, die durch das Land gewandert ist und die den Kindern von den Eltern gelehrt wurde. Sie wurde verwendet für Erwachsene auf Festen und als Tanzmusik, in unterschiedlichen sozialen Gruppen usw. Sie zeigt, dass wir als Menschen immer Musik brauchten, Kunst brauchten, um unterhalten zu werden, um das Schöne zu sehen und zu hören. Es inspiriert mich zum Nachdenken. Meine Lieder sind alles von Bånsuller (Wiegenlieder), Skillingsviser (Bänkellieder), mittelalterliche Balladen, Liebeslieder, Stev (gesungene Vierzeiler) bis zu Kinderreimen und Regler (Lieder mit mehreren Stev).

Warum magst du alte, historische Musikstücke so sehr?

Ich erzähle gerne, wenn ich singe. Ich habe gerne Bilder in meinem Kopf und stelle mir vor, was passiert ist. Obwohl die Geschichten alt sind, erzählen sie uns noch heute etwas über unser Leben. Es sind oft die großen Fragen im Leben, die gesungen werden. Was passiert, wenn ich dies oder jenes mache? Welche Entscheidungen soll ich treffen? Ich denke, es macht Spaß, die alten Songs zu aktualisieren und sie auch heute noch für uns relevant zu machen.

Wo findest du Inspiration, um die alten Lieder umzuarbeiten?

Ich finde es so aufregend! Und dann denke ich, dass andere das auch so finden werden. Es ist der Wunsch zu erzählen und zu vermitteln, der meine treibende Kraft ist.

2019 warst du beim Landskappleiken, einem Wettbewerb in Norwegen, der in Deutschland nicht bekannt ist. Kannst du das Event beschreiben? Und worin konkurriert man da?

Landskappleiken ist wie eine norwegische Folkemusikkmeisterschaft. Viele Leute gehen dorthin, um mit Hardangerfiedel, Geige, Diatonischem Akkordeon, Langeleik (langgestreckte Griffbrettzither), Tanz und Gesang anzutreten. Andere reisen dorthin, um Freunde zu treffen, zu tanzen, anderen zu begegnen, die gleichermaßen interessiert sind, und um gute Musik zu hören. Es ist ein sehr geselliges Beisammensein mit Menschen jeden Alters. Dort treffe ich Freunde aus meiner Studienzeit, gegen die ich manchmal antrete, manchmal höre ich zu. Für mich ist der Wettbewerb selbst nicht so ernst. Ich sehe es eher als Gelegenheit, für ein sehr interessiertes Publikum zu singen. Es ist das Publikum, das das Genre gut kennt und viel über das weiß, was wir präsentieren, und es macht Spaß. Norwegenreisenden kann ich ausdrücklich empfehlen zum Landskappleiken zu kommen! Es ist ein ganz besonderes Ereignis mit vielen Menschen und guter Musik in allen Ecken und Winkeln.

Dein letztes Album heißt „Jeg går i tusen tanker“ (Tausend Gedanken gehen mir durch den Kopf). Welche tausend Gedanken hast du, während du singst?

Es gibt viele tausend Gedanken in meinem Kopf, wenn ich singe! Manchmal schaue ich mir an, was die Leute im Raum tun, während ich mich in die Geschichte hineinlebe und was ich vermitteln möchte. Ich denke darüber nach, was ich gesungen habe und was ich singen werde. Ich liege ein bisschen vor der Geschichte und erzähle.

Kannst du von einem deiner besten Momente auf der Bühne erzählen?

Ich erinnere mich nicht genau, wo und wann, aber die besten Momente sind, wenn es sich anfühlt, als würde ich in der Musik schweben. Das Publikum ist involviert, ich bekomme, was ich erreichen möchte und ich habe das Gefühl, dass es eine Verbindung zwischen mir und denen gibt, die zuhören und dass wir zusammen in der Musik sind.

Du hast auch schon junge Sänger*innen unterrichtet. Was macht dir daran Spaß?

Es macht Spaß, weiter zu lernen, und es ist inspirierend zu hören, wie sie die Songs interpretieren und wie neugierig sie sind, mehr zu lernen.

Wie sieht ein gewöhnlicher Arbeitstag von dir aus?

In Zeiten, in denen ich von zu Hause aus arbeite, gibt es viel zu schreiben, Anträge, die Vorbereitung auf Konzerte, die Planung von Projekten, die Suche nach Songmaterial und Geschichten, die ich vermitteln und proben möchte. Wenn ich auf Tour bin oder Konzerte spiele, reise ich zum Auftritt und zurück, spiele Konzerte für Kinder, Erwachsene und ältere Menschen. Dann habe ich das Konzert gerne mit einem Repertoire angepasst, von dem ich denke, dass es dem Publikum gefallen wird, das ich treffen werde.

Du hast ein Trio zusammen mit dem Pianisten Alf Hulbækmo und dem Bassisten Jo Skaansar. Wann und wo habt ihr euch zum ersten Mal getroffen?

Jo und ich haben uns vor vielen Jahren bei einem gemeinsamen Gig kennengelernt. Er ist ein unglaublich talentierter Bassist mit einem guten Ohr für Folkemusikk, daher entstand unsere Zusammenarbeit einige Zeit später. Jo war auf den meisten Platten, die ich veröffentlicht habe. Ich mag die Art, wie er spielt und Musik hört. Ich habe seit vielen Jahren von Alf gehört. Ich kenne seine Eltern länger als er, wenn ich darüber nachdenke. Wir brauchten einen Pianisten in der Band und Alf wurde erwähnt. Auch Er hat großen Respekt vor der Musiktradition und eine enorm gute Fähigkeit, die Folkemusikk zu spielen, die ich in dieses Projekt einbringe. Ich mag sein Klavierspiel sehr. Ich freue mich immer darauf, mit diesen beiden zu spielen!

Welche positiven und negativen Konsequenzen hast du durch die Coronakrise erlebt? Verbringst du mehr Zeit zuhause und arbeitest an neuen Ideen und Projekten, oder vermisst du die Bühne und zu reisen?

Ich habe viele Auftritte verloren und war traurig darüber, dass ich nicht draußen sein konnte um den Menschen Musik zu geben Ich denke insbesondere an Kinder und ältere Menschen, die nicht wie die Erwachsenen anderswo, Musik und Inspiration suchen können. Ich freue mich sehr darauf, wieder spielen zu können und Leute in den Arm zu nehmen. Das Positive ist wahrscheinlich, dass wir das Tempo etwas verlangsamt haben. Wir als Familie waren viel zusammen und es war sehr schön. Als wir merkten, dass dies einige Zeit dauern würde, gelang es uns, uns damit zu versöhnen und die Zeit für etwas Schönes zu nutzen. Wie z. B. zusammen sein und an der Gitarre zu spielen. Ich habe die Zeit auch genutzt, um neue Projekte zu erstellen: einen neuen Song aufzunehmen, für den ich sowohl Melodie als auch Text selbst geschrieben habe! Ich habe versucht, Konzerte online zu geben und mich körperlich und geistig in Bewegung zu halten. Ich vermisse es wirklich, das Publikum zu treffen. Es passiert etwas ganz Besonderes, das digitale Nachtkonzerte nicht ersetzen können. Ich vermisse es, die Atmosphäre rund um ein Konzert zu sehen, zu fühlen und zu empfinden.

Wie ist die aktuelle Lage für Musikschaffende in Norwegen?

Ich denke, viele Leute fangen an, sich wirklich zu langweilen. Viele sind verzweifelt über Einkommensverluste und die Möglichkeit zu arbeiten. Einige haben begonnen, nach anderen Dingen zu suchen, die sie tun können. Gleichzeitig haben wir das Glück, dass wir ein Land haben, das über eine Reihe von Programmen und Finanzen verfügt und in der Lage ist, uns im schlimmsten Fall zu helfen. Diesmal hat sich jedoch herausgestellt, dass es ziemlich riskant ist, zu den freiberuflich Musikschaffenden zu gehören, wenn eine Pandemie auftritt. Der Unterschied zwischen Arm und Reich wird immer deutlicher und größer. Unglücklicherweise.

Worauf freust du dich in Greifswald? Was erwartest du?

Ich freue mich sehr darauf, die Musik, die ich so sehr liebe, einem ganz neuen Publikum zu zeigen! Es gibt natürlich eine kleine Herausforderung mit der Sprache, aber ich werde es so gut ich kann erzählen und erklären, bevor die Lieder gesungen werden, damit die Leute sich ein Bild machen und sich der Musik hingeben können. Es wird so schön sein, für das Live-Publikum zu spielen! Wir freuen uns sehr darauf!

(Das Interview führte und übersetzte Nina Babuliack)