Der Goldschatz von Hiddensee

Die Region um Greifswald und Stralsund ist reich an Spuren der skandinavischen Geschichte. So landete Gustav II. Adolf während des Dreißigjährigen Krieges mit seiner Armee in Peenemünde, und bis heute erinnern die Wallensteintage in Stralsund an die Belagerung und Verteidigung der Stadt 1628 durch die Schweden und Dänen. Aber auch vor der fast 200-jährigen schwedischen Herrschaft über Vorpommern ist die Heimatregion des Nordischen Klanges in Skandinavien nicht unbekannt. Auch wenn es heute nicht mehr ersichtlich ist, so geht die Gründung Greifswalds auf dänische Mönche zurück und wenn man noch ein wenig weiter zurückblickt, kann man in den alten isländischen Sagas Geschichten finden, deren Handlung ganz in der Nähe stattfinden. Frühere schriftliche Zeugnisse von skandinavischen Spuren sind zwar nicht bekannt, aber mit ein wenig Glück lassen sich archeologische Überreste finden.

Gleich mehrere solcher Glücksfälle ereigneten sich zwischen 1872 und 1874 in Neuendorf. Dieses kleine Dorf liegt auf der Insel Hiddensee, westlich von Rügen. Nach zwei besonders starken Stürmen gab die Ostsee insgesamt 16 Schmuckstücke nach mehreren Jahrhunderten wieder frei. Gefunden wurden diese dann jeweils einige Tage nach den Stürmen am Strand von den Einwohnern Neuendorfs und später vom Leiter des Stralsunder Museums gekauft. Aufgrund seines Fundortes ging der Schatz als Hiddenseer Goldschmuck in die Geschichte ein. Hergestellt wurden die einzelnen Teile des Schatzes vermutlich zwischen 970 und 980. Allerdings lässt sich der Auftraggeber nicht mehr eindeutig bestimmen. Es wird jedoch vermutet, dass der dänische König Harald Blauzahn auf seiner Flucht auf die Jomsburg an Hiddensee vorbeigekommen ist und den Schatz dort vergrub.

Foto: Zwölfhundertvierunddreißig – Eignes Werk, CC BY-SA 3.0,
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Stralsund,Kopie_vom_Hiddenseer_Goldschmuck,_by_Klugschnacker_in_Wikipedia(2014-08-20)_1.jpg

Von diesem damals vermutlich vergrabenen Schatz wurden später ein Halsreif, eine Scheibenfibel (eine Art Spange zum Verschließen von Gewändern) und zehn kreuzförmige Anhänger für Ketten von unterschiedlicher Größe gefunden. Außerdem konnten auch vier Zwischenglieder entdeckt werden, die vermutlich von Ketten stammen. Besonders auffällig ist die Verzierung der Schmuckstücke. Auf ihnen existieren sowohl christliche Symbole, als auch Zeichen aus der nordischen Mythologie. Auch deshalb wird der Schmuck mit Harald Blauzahn in Verbindung gebracht. Denn obwohl er sich taufen ließ, erlaubte er auch weiterhin die Ausübung anderer Religionen.

Einige Fragen konnten die Archäologen in der Zeit, die seit dem Fund des Schatzes vergangen ist, zwar schon beantworten, trotzdem bewahrt sich der Hiddenseer Goldschatz bis zum heutigen Tag viele seiner Geheimnisse und lässt einige Fragen unbeantwortet. Wie viele Teile gab es ursprünglich? Wer fertigte die Schmuckstücke an? Wie ist er nach Hiddensee gekommen? Gerade diese und noch weitere Fragen machen aber wohl auch die Faszination aus und ziehen immer wieder die Betrachter in ihren Bann.

Foto: Zwölfhundertvierunddreißig – Eignes Werk, CC BY-SA 3.0,
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Heute kann man alle 16 Stücke des Goldschatzes im Stralsund Museum bewundern, wo sie für die Öffentlichkeit zugänglich sind. Dort sind die Schmuckstücke nicht allein. Gesellschaft leisten ihnen die Ringe des Peenemünder Goldschatzes, der beim Pflanzen von Bäumen zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Ort an der Westspitze Usedoms gefunden wurde. Als man dort einige Bäume Pflanzen wollte, stieß man auf drei Goldringe, und bei einer Ausgrabungen einige Jahre später wurden weitere fünf Ringe entdeckt. Allen acht Ringen gemein ist ihre Entstehung im 11. Jahrhundert und ihre vermutliche Herkunft aus dem schwedischen Mälartal. Auch bei diesen Ringen weiß man nicht viel über ihre Vergangenheit. Meistens wurden Ringe, wie die, die auch in Peenemünde gefunden wurden, als Schmuck getragen. Die Tatsache, dass auch ein halber Ring gefunden wurde, legt jedoch auch eine Verwendung als Zahlungsmittel nahe. Da es jedoch keine Zeugen mehr aus der damaligen Zeit gibt, wird es schwierig diese ungelösten Rätsel jemals vollständig zu beantworten. Vielleicht ist das aber auch gar nicht notwendig. Am Ende sind es doch wie so oft die Rätsel, die einen gewissen Reiz ausüben.