Säkularisierung erzählen. Entwürfe skandinavischer Literatur um 1900


Internationale Tagung am und in Kooperation mit dem Alfried Krupp Wissenschaftskolleg Greifswald

Säkularisierung bezeichnet gemeinhin den Übergang von einer sakral zu einer säkular legitimierten Gesellschaft. Das Konzept besaß zwischen 1900 und 2000 eine schier unangreifbare Plausibilität für die Selbstdeutung europäischer Gesellschaften. Ausgangspunkt der Tagung ist die Beobachtung, dass diese Evidenz in den letzten 15 Jahren in der Soziologie, der Philosophie und der Historiographie zunehmend in Frage gestellt wird.

Die Literaturwissenschaft eröffnet in der Krise des Säkularisierungsbegriffs eine grundsätzlich neue Perspektive: Durch die aktuellen Versuche, das Verhältnis von Religion und Gesellschaft anders zu fassen, wird deutlich, dass es sich bei ‚Säkularisierung’ nicht um einen unabwendbaren historischen Prozess handelt, sondern um ein spezifisches Narrativ, also um ein kulturell etabliertes Regelsystem, das es erlaubt, verschiedene Einzelelemente zu einem gemeinsamen narrativen Sinn zu ordnen. Als solches liefert das Narrativ einen Deutungsrahmen, in den individuelle wie kollektive Erlebnisse gegossen und zu einer überzeugenden Erzählung angeordnet werden können.

Die Tagung sucht den Moment auf, zu dem das Säkularisierungsnarrativ noch nicht zu seiner kanonischen Form gefunden hat. Gefragt wird aus skandinavistischer Perspektive danach, wie die Literatur Dänemarks, Norwegens und Schwedens an der Formung und Durchsetzung des Säkularisierungsnarrativs um 1900 mitgearbeitet hat: Welche Stimmen lassen sich mit welchen Positionen unterscheiden und welche spezifisch literarischen Mittel der kulturellen Selbstinterpretation kommen zum Einsatz? Welche Logiken bemühen literarische Texte in der Phase der Etablierung des Narrativs, um es glaubwürdig zu machen oder um Alternativen auszuarbeiten?


Montag, 9. Mai
9.15 Uhr–9.30 Uhr
Begrüßung


| Einführung
9.30 Uhr–10.15 Uhr
Narzisstische Kränkungen. Niels Lyhnes Säkularisierungserzählungen zur Einführung.
Joachim Schiedermair (München)


| Narrative Muster und Medien

10.15 Uhr–11.00 Uhr
Die Freidenker des Modernen Durchbruchs: Säkularität als Erzählkultur. Dirk Johannsen (Oslo)

11.30 Uhr–12.15 Uhr
Emancipation, jalousi og religiøs autoritet. Narrative mønstre fra 1800-tallets ‚orientalske fortælling’ hos Edvard Brandes og Holger Drachmann.
Marie Louise Svane (Kopenhagen)

12.15 Uhr–13.00 Uhr
Das Tagebuch als Medium des Säkularisierungsnarrativs? Garborgs Trætte Mænd
Joachim Grage (Freiburg)



| Relais und Umsemantisierungen

14.30 Uhr–15.15 Uhr
Predikanten Selma Lagerlöf: inkarnation som ‚relä’ i Jerusalem
Anna Bohlin (Bergen/Uppsala)

15.15 Uhr–16 .00 Uhr
„[E]n velsignet episode“. Zur Verweltlichung religiöser Rede in Ibsens Når vi døde vågner
Markus Kleinert (Erfurt/Göttingen)


| Figuren von De- und Resakralisierung

16.00 Uhr–16.45 Uhr
Kulturminnet avförtrollat? Sekularisering och resakralisering i Carl Snoilskys Svenska bilder
Krzysztof Bak (Stockholm/Krakau)


18.00 Uhr–19.30 Uhr
Öffentlicher Abendvortrag
Was kommt nach der Säkularisierungsthese? Religiöse und säkulare Quellen des Menschheitsethos
Hans Joas (Berlin)
Moderation: Joachim Schiedermair

Alfried Krupp Wissenschaftskolleg Greifswald © Wally Pruß

Dienstag, 10. Mai
09.30 Uhr–10.15 Uhr
Ibsen and Theodicy: Phantoms and Secularization
Thor Holt (Oslo)


10.15 Uhr–11.00 Uhr
Licht, Liebe, Hoffnung – Bjørnstjerne Bjørnsons Naturdarstellung als sakraler Säkularisierungsraum
Thomas Mohnike (Straßburg)


| Patriarchat / Autorität / Geschlecht

11.30 Uhr–12.15 Uhr
„Håll dig till Herren Gud, om du kommer i bedröfvelse. Menskor kunna ej hjelpa.” Patriarchat und Religion in Daniel Stens Frost
Frederike Felcht (Frankfurt)

12.15 Uhr–13.00 Uhr
Bjørnson, Skram, kristendommen og patriarkatet
Unni Langås (Kristiansand)

14 Uhr–14.45 Uhr
Scheinheiligkeiten. Zur Auseinandersetzung mit Kirche und Glauben in Lydia Vik. En själs historia von Hilma Angered Strandberg
Dörte Linke (Berlin)


| Säkularisierung und Judentum

14.45 Uhr–15.30 Uhr
Liv for Liv. Emanzipation und Säkularisierung in Olivia Levisons Prosa
Annegret Heitmann (München)

16 Uhr–16.45 Uhr
Wider die Erlösung. Lykke Per und andere negative Helden
Klaus Müller-Wille (Zürich)

16.45 Uhr – 17.30 Uhr
Zwischen(t)räume. Jüdisch-christliche Säkularisierung in Henri Nathansens Drama Indenfor murene
Clemens Räthel (Greifswald)


17.30 Uhr–18 Uhr Abschlussdiskussion