Als wir tanzten – Spielfilm von Levan Akin (S/Georgien 2019)

Plakat © Salzgeber

MO 17.5., 20:00, 113 Minuten, OmdtU, Filmclub Casablanca e.V., online

Zum IDAHOBIT (Internationaler Tag gegen Homo-, Bi-, Inter- und
Trans*feindlichkeit)

Merab ist Student an der Akademie des Georgischen Nationalballetts in Tiflis. Sein größter Traum ist es, professioneller Tänzer zu werden. Als Irakli neu in die Klasse kommt, sieht Merab in ihm zunächst einen ernstzunehmenden Rivalen auf den ersehnten Platz im festen Ensemble. Aus der Konkurrenz wird bald ein immer stärkeres Begehren. Doch im homophoben Umfeld der Schule, in der konservative Vorstellungen von Männlichkeit hochgehalten werden, wird von den beiden erwartet, dass sie ihre Liebe geheim halten.

Das mitreißende Liebes- und Tanzdrama des schwedischen Regisseurs Levan Akin wurde in Cannes als Entdeckung gefeiert und seitdem vielfach ausgezeichnet, unter anderem in vier Kategorien beim Schwedischen Filmpreis Guldbaggen. Der Queer-Feindlichkeit, die in Georgien erschreckend weit verbreitet ist, hält der Regisseur, dessen Familie selbst aus dem Land stammt, eine entschiedene Feier von nicht-heterosexueller Liebe entgegen. Hauptdarsteller Levan Gelbakhiani, einer der European Shooting Stars der Berlinale 2020, wurde für sein ergreifendes Spiel mit Preisen überhäuft und war für den Europäischen Filmpreis nominiert.

Literaturwissenschaftliches Kolloquium: Zur Ästhetik des nordischen Protestantismus

Bertel Thorvalsen: Segnender Christus, Vor Frur Kirke, Kopenhagen. Foto: Wikipedia/IbRasmussen

MO 10.5. 2021, 10:00-14:30, digital

Literaturwissenschaftliches Kolloquium im Nordischen Klang 2021: Zur Ästhetik des nordischen Protestantismus

Dass Skandinavien als ein kulturell homogener Raum wahrgenommen wird, liegt zu einem wesentlichen Teil daran, dass in den drei festlandskandinavischen Ländern Dänemark, Norwegen und Schweden über Jahrhunderte die Zugehörigkeit zur lutherischen Staatskirche die Norm war. Die drei eingeladenen Wissenschaftler aus Freiburg und Straßburg gehören einer Forschungsgruppe an, die die These verfolgt, dass die Reformation nicht nur ein wichtiger Faktor in der politischen, sozialen und kirchlichen Geschichte Skandinaviens war, sondern dass protestantische Logiken und Vorstellungswelten bis heute einen weitreichenden Einfluss auf das kulturelle Leben in allen seinen Formen von der Literatur bis zum Design besitzt: Die besondere Neigung zu Einfachheit und Purismus, zu Logozentrismus und Pflichtethik, die Spannung zwischen Individualismus und Kollektivität können als Elemente einer spezifisch protestantischen Ästhetik benannt werden. Die Vorträge behandeln diese These an berühmten Texten der dänischen und schwedischen Literatur. Ergänzt wird das skandinavistische Programm durch einen Blick auf den Greifswalder Dom und auf die Diskussionen um eine protestantische Ästhetik anlässlich seiner Neugestaltung im 19. Jahrhundert.

Ablauf

10:00-10:15

Prof. Joachim Schiedermair (Ludwig-Maximilians-Universität München)

Einführung

10:15-11:00

Dr. Søren Black Hjortshøj (Université de Strasbourg)

The Pietistic priest and the Nordic welfare state politician: Henrik Pontoppidan’s Det Forjættede Land and the building of modern Denmark

11:00-11:45

Prof. Dr. Thomas Mohnike (Université de Strasbourg)

Nils Holgerssons wunderbare Reise durch die protestantische Ästhetik des schwedischen Wohlfahrtsstaates

13:00-13:45

Prof. Dr. Joachim Grage (Albert-Ludwigs-Universität Freiburg)

„Nulla dies sine linea“ – Kierkegaards Journale und die Frage nach dem protestantischen Arbeitsethos

13:45-14:30

PD Dr. Tilman Beyrich (Universität Greifswald)

„um sich über das Sichtbare zu erheben“. Zur Ästhetik des Protestantismus am Beispiel der romantischen Umgestaltung des Greifswalder Doms

Abstracts und Kurzbiographien

Tilman Beyrich: „um sich über das Sichtbare zu erheben“. Zur Ästhetik des Protestantismus am Beispiel der romantischen Umgestaltung des Greifswalder Doms

Als der Greifswalder Dom St. Nikolai 1824-1833 im Geiste der Neogotik umgestaltet wurde, ließ man sich inspirieren von einem ästhetischen-theologischen Programm, das – wie oft betont wird – der Bilderwelt Caspar David Friedrichs eng verbunden ist. Tatsächlich bildeten der Architekt Gottlieb Giese, der Dompastor Johann Finelius, Caspar David und sein Bruder Christian Friedrich, der die Tischlerarbeiten ausführte, einen Freundeskreis. In diesen Gedankenaustausch gehörte auch Friedrichs Freund und entfernt Verwandter Franz Christian Boll, damals Pastor an der Neubrandenburger St. Marienkirche, der in seiner Schrift „Von dem Verfalle und der Wiederherstellung der Religiosität“ 1809/10 ein Programm für die Erneuerung protestantischer Kirchen entwirft. Friedrich hat sich nachweislich mit dieser Schrift auseinandergesetzt.

Die theologischen Anregungen Bolls und Finelius` für einen typisch „nordischen Protestantismus“ sollen diskutiert werden: in einem Vortrag und in einer Führung durch den Dom. Achtung: Domführung fällt aus, wenn das Kolloquium nur digital stattfindet

Tilman Beyrich ist seit September 2018 Dompastor an St. Nikolai Greifswald und Theologischer Beauftragter am Institut für Kirchenmusik und Musikwissenschaft der Universität Greifswald, nachdem er 10 Jahre als Pastor in der Pfarrstelle Heringsdorf-Bansin und als Religionslehrer an der Europäischen Gesamtschule Insel Usedom tätig war. Nach einem Studium der Evangelischen Theologie in Greifswald, Tübingen und Paris war er von 1995 bis 2007 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Systematische Theologie und Ethik der Theologischen Fakultät Greifswald. Er wurde mit einer Promotion über J. Derrida und S. Kierkegaard promoviert und habilitierte sich mit einer Arbeit über P. Sloterdijk.

Joachim Grage: „Nulla dies sine linea“ – Kierkegaards Journale und die Frage nach dem protestantischen Arbeitsethos

Neben seinen veröffentlichten Schriften hat Søren Kierkegaard ein kaum weniger umfangreiches Werk in seinen Journalen und Aufzeichnungen hinterlassen, die seine ‚Wirksamkeit als Schriftsteller’ bis zu seinem Tod begleiten. Sie wurden wiederholt ediert, in deutscher Übersetzung auszugsweise unter dem irreführenden Titel „Tagebücher“, sind jedoch erst in der neuen Kierkegaard-Ausgabe Søren Kierkegaards Skrifter vollständig und in ihrer ursprünglichen Anordnung greifbar.

Die handschriftlichen Journale zeugen von einer täglichen Schreib- und Reflexionspraxis. Sie versammeln Skizzen und Entwürfe zu geplanten Veröffentlichungen und zu Predigten, Notate zu und Exzerpte aus Lektüren, Reflexionen zu seinen persönlichen Verhältnissen und zu Themen, mit denen sich Kierkegaard beschäftigte, kleine Geschichten und Essays sowie andere Formen des tagesaktuellen Schreibens.

Der Vortrag behandelt die Journale zunächst in Hinblick auf protestantische Praktiken der Selbstreflexion und somit als Ausdruck eines Schreibens, das seinen Impuls aus einem Selbstverständnis als religiöser Schriftsteller bezieht. In einem zweiten Schritt soll die Frage diskutiert werden, ob Kierkegaards tägliche Schreibpraxis Ausdruck eines ‚protestantischen Arbeitsethos‘ ist, wie es Max Weber in seiner berühmten Studie Die protestantische Ethik und der „Geist“ des Kapitalismus (1904/05) charakterisiert hat. Dafür wird insbesondere auf die für Kierkegaard zentralen Begriffe der „Produktivitet“ und der „Virksomhed“ (Wirksamkeit) eingegangen.

Joachim Grage war nach seinem Studium der Germanistik, Skandinavistik und Chemie zunächst wissenschaftlicher Mitarbeiter und Assistent am Skandinavischen Seminar der Universität Göttingen, bevor er dort 2002 zum Juniorprofessor für Nordische Philologie berufen wurde. Seit 2008 ist er Professor für Nordgermanische Philologie (Neuere Literatur- und Kulturwissenschaft) an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Er war mehrfach Fellow am Freiburg Institute for Advanced Studies (FRIAS), unter anderem gemeinsam mit Thomas Mohnike, mit dem er zur Konstruktion imaginierter Geographien in der fachgeschichtlichen Entwicklung der europäischen Philologien sowie zur Ästhetik des Protestantismus forscht. Weitere Schwerpunkte seiner Forschung sind unter anderem die Intermedialität von Literatur und Musik, deutsch-skandinavische Kulturkontakte sowie die skandinavische Kinder- und Jugendliteratur, über die er im Rahmen des Freiburger Sonderforschungsbereichs Helden – Heroisierungen – Heroismen arbeitet. Er ist außerdem Mitherausgeber der Deutschen Søren Kierkegaard-Edition, die seit 2005 im de Gruyter-Verlag erscheint.

Søren Blak Hjortshøj: The Pietistic priest and the Nordic welfare state politician: Henrik Pontoppidan’s Det Forjættede Land and the building of modern Denmark

In this paper, I will focus on Nobel Prize Winner Henrik Pontoppidan’s novel Det Forjættede Land (1892-98) and its focus on how competing forms of Protestantism merge specific interpretations of Christianity with political struggles in this period were democracy and the first elements of the Nordic welfare states were implemented. The novel points to the role of the Protestant priest as key in the development of modern day Nordic politicians. In many years, however, dominating ‘narratives of secularization’ have obstructed a better understanding of how the development of modern state forms and modern political cultures are historically intermingled with religious traditions. Yet, as Dominic Erdozain has argued (2017), often, what we perceive today as the result of modern rationalistic ‘disenchantment’ logics – for example in the context of our present-day society models and political culture – are in fact echoes of polemics between religious traditions. In a Nordic welfare state context, particularly, the Protestant Pietistic revivalist movements of the 18th century, have as such been considered as reactionary ‘anti-modern’ movements although the first Nordic example of a modern reformed centralistic “top down” state focusing on universal ‘enlightened’ education was created during the Dano-Norwegian Halle Pietistic state regime of Christian VI. Yet, the modern nation building role of the Protestant revivalist movements have almost singularly been accredited to N. F. S. Grundtvig creating a somewhat exceptionalist narrative on Grundtvig in current welfare studies.

Most likely influenced by his own Pietistic-influenced family history, Henrik Pontoppidan operates in Det Forjættede Land with a broad historical perspective. The novel somewhat concentrates 200 years of Dano-Norwegian Protestant history and grundtvigianismen is described as one of several competing forms of Protestantism that merge interpretations of the Bible with political struggles. Through its discussions of the modern priest role, the novel also opens up for a discussion of whether we can speak of a specific modern Nordic welfare state politician type. Thus, in the Nordic countries, known for their low ratings on corruption and high degree of social trust, it seems that Nordic welfare state politicians are expected to follow and mime a Pietistic-influenced ethical value set of moderation, plainness, non-materialistic lifestyle, “samfundssind”/social spirit above individual interests, diligence and humility. At the same time, in the rather “top-down” centralistic Nordic welfare societies, present-day politicians hold powerful positions compared to other countries’ politicians, e.g. in the context of regulating family life, child upbringing and education.

Søren Blak Hjortshøj wrote his dissertation on the representation of Jewishness in the writings of the Danish-Jewish fin-de-siécle intellectual Georg Brandes, published as Son of Spinoza. Georg Brandes and Modern Jewish Cosmopolitanism (Aarhus: Aarhus University Press, 2021). He also holds a MA in Comparative Literature from the Uni. of Copenhagen. Currently, he is working on a research project on the Protestant Aesthetics of the Nordic Welfare State at Université de Strasbourg where he is part of the „Aesthetics of Protestantism in Northern Europe“ research project. In 2020, he was awarded with the Carlsberg Foundation postdoc scholarship and will from the end of 2021-2023 finish his current research project and next book at the Henrik Pontoppidan Center at University of Southern Denmark.

Thomas Mohnike: Nils Holgerssons wunderbare Reise durch die protestantische Ästhetik des schwedischen Wohlfahrtsstaates

Selma Lagerlöfs Die wunderbare Reise des kleinen Nils Holgersson mit den Wildgänsen [Nils Holgerssons underbara resa genom Sverige] (1906/7) ist zweifelsohne eines der auch international meistbekannten schwedischen Bücher des 20. Jahrhunderts. Es hat nachhaltig das Bild von Schweden geprägt – zum einen wegen seiner zahlreichen Film- und Textadaptionen, zum anderen aber auch, weil das Buch in Schweden bis in die 1950er Jahre als Lesebuch für die Grundschule verwendet wurde, und deshalb für fast zwei Generationen ein wichtiger Referenztext war, ein Text, den jeder kannte und auf den man sich beziehen konnte. Lagerlöf hat es als Geographiebuch konzipiert, aber auch als ein Lesebuch, das zentrale Werte vermitteln sollte, die für die schwedische Gesellschaft wichtig werden sollten, nicht zuletzt im Rahmen des schwedischen Wohlfahrtsstaates. Das Buch bezieht sich auf zahlreiche pädagogische und soziale Ideen, insbesondere von Ellen Key, aber auch anderen progressiven Schulreformern. Christliche Werte, Ideen und Erzählungen treten in dem Buch in den Hintergrund – und das ist hier wörtlich zu nehmen: Im Gegensatz zu vielen anderen Texten, die Selma Lagerlöf zur gleichen Zeit schrieb, spielt Religion auf der Oberfläche nur eine unwichtige Rolle. Umso interessanter ist es, wie Ideen und Praktiken aus verschiedenen protestantischen Milieus und Gruppen in die Gestaltung eingehen – als Intertexte, als ästhetische Modelle, als ethische Maßstäbe. Nils Holgersson kann in diesem Zusammenhang als ein zentrales Medium für die Vermittlung dieser ursprünglich protestantischen Ideale in einen areligiös konnotierten, säkularen diskursiven Raum beschrieben werden. In meinem Beitrag möchte ich diesen Gedanken in einer Kombination von Nah- und Fernlektüre nachgehen.

Thomas Mohnike ist Professor für Skandinavistik an der Université de Strasbourg. Forschungsschwerpunkte sind in den letzten Jahren die Ästhetik des Protestantismus in Nordeuropa (mit Joachim Grage und Lena Rohrbach), die vorgestellten Geographien der vergleichenden Philologien des 19. und 20. Jahrhunderts (mit Joachim Grage) und die Beschreibung der kulturellen Zirkulation von Mythemen des Nordens mit Hilfe von Ansätzen aus den Digital Humanities (https://mythemes.u-strasbg.fr/). Er ist Gründungspräsident der Association pour les études nordiques (2013-19), Mit-Herausgeber der Zeitschrift Deshima. Arts, Lettres et Cultures des Pays du Nord (2010-19).  Zu seinen Veröffentlichungen zählen Geographies of Knowledge and Imagination in 19th Century Philological Research on Northern Europe (2017, hg. m. Joachim Grage); Qu’est-ce que l’Europe du Nord? (2016, hg. m. mit Thomas Beaufils), Protestantisme en Europe du Nord aux XXe et XXIe siècles (2013, hg. m. Frédérique Harry).

Interview mit Karmen Rõivassepp

2020 trat sie leider nur per Video für den Nordischen Klang auf. Dieses Jahr wird die Künstlerin mit der klaren Stimme hoffentlich live in Greifswald zu sehen sein. Karmen Rõivassepp kommt eigentlich aus Estland, verfolgt ihre musikalischen Ziele aber aktuell in Dänemark. Hier hat sie ein paar Fragen zu ihrem künstlerischen Schaffen beantwortet.

Du bist Jazzsängerin. Warum Jazz? Und welche Musikrichtungen magst du außerdem?

Ich hatte schon immer das Bedürfnis zu improvisieren, seit ich ein kleines Kind war. Ich habe in sehr jungem Alter mit dem klassischen Piano angefangen, aber ich habe nie völlig die Schönheit daran verstanden und immer das Gefühl gehabt, dass dabei eine gewisse Freiheit fehlte. Also fing ich an, meine eigenen kleinen Song-Skizzen zu schreiben und machte erste Erfahrung mit Improvisation. Seitdem war es um mich geschehen. Ich denke, es ist die Gemeinschaft, das gemeinsame Schaffen, und nicht genau zu wissen, wohin die Dinge führen – das macht es so aufregend für mich.

Wo hast du Simon Eskildsen, Adrian Christensen und Daniel Sommer kennengelernt?

Seit 2012 habe ich mit den Jungs getrennt voneinander in unterschiedlichen Konstellationen gespielt. Wir haben an der gleichen Musikakademie in Aarhus studiert, und da das Jazzmilieu hier sehr klein ist, war klar, dass man früher oder später alle kennenlernen würde. Es hat nur eine Weile gedauert, die drei in der gleichen Band zu versammeln. Doch am Ende hätte es keinen besseren Zeitpunkt dafür geben können – und jetzt sind wir hier schon vier Jahre zusammen und haben eine wunderbare gemeinsame Zeit.

Was magst du am meisten an eurer Zusammenarbeit?

Ich finde, dass jeder von uns etwas einzigartiges mitbringt, musikalisch wie auch praktisch. Es funktioniert, weil alle von uns den gemeinsamen Wunsch haben, dass es funktioniert und dass wir in Bewegung bleiben. Ich denke, dass ist das, was ich am meisten liebe – den Fakt, dass wir alle so eifrig sind weiterzuarbeiten und besser zu werden und unsere Musikalität zu entwickeln und Sachen auszuprobieren, die neu und aufregend für uns sind. Es gibt nichts besseres als sich zugehörig zu fühlen, und genau so erlebe ich es mit den Jungs .

Wo und wie findest du Inspiration für neue Melodien und Texte?

Es gibt so viele mögliche Wege beim Komponieren, aber für mich ist der zündende Funke eine gefühlsbedingte Idee. Meine Musik dreht sich viel um die Dinge, die ich im täglichen Leben erfahre, oder um Ereignisse, die mich irgendwie berührt oder verändert haben. Und dann gibt es natürlich noch eine Million Kompositionstechniken, die ich für die Entwicklung des melodischen und harmonischen Materials nutze. Aber alles ist verwurzelt in einem bestimmten emotionalen Erlebnis.

Man kann lesen, dass deine Familie musikalisch ist. Kommt daher auch deine Begeisterung für Musik?

Meine Familie ist der entscheidenste Grund dafür, dass ich Musikerin wurde. Die endlose Freude für die Musik, für das Singen und das Piano Spielen in meiner Famile ließ mich zum ersten Mal realisieren, dass das etwas für den Rest meines Lebens sein könnte. Es waren meine Geschwister, die immer MTV hörten oder online mit mir wahnsinnig gute Musik teilten, und es waren meine Eltern, die mich immer unterstützt und sogar ermutigt haben, mich in der Musik ausbilden zu lassen. Ohne sie würde ich vermutlich etwas komplett anderes machen.

Was würdest du denn machen, wenn du keine Musikerin wärst?

Ich wollte Jura oder Medizin studieren, wenn ich bei der Akademie in Estland nicht angenommen worden wäre. Ich wäre wahrscheinlich Therapeutin oder Psychiaterin geworden. Ich war immer fasziniert von Themen, die etwas mit der Psyche zu tun haben. Da ich selber schon mit Ängsten zu kämpfen hatte, interessiere ich mich weiterhin sehr dafür. Wenn die Welt sich aufgrund der Coronapandemie geändert hat, müsste ich mich vielleicht nur für eine neue Ausbildung melden?

2012 bist du nach Dänemark zum Studium nach Aarhus gezogen. Was ist das Besondere an dieser Universität?

Ich bin umgezogen, nachdem ich ein Jahr an der Akademie in Tallinn Musik studiert habe. Als Austauschstudentin kam ich für ein Jahr nach Dänemark, hauptsächlich um zu sehen, wie die Dinge außerhalb Estlands angegangen und unterrichtet werden. Zu dieser Zeit zweifelte ich immer noch sehr, ob ich in der Zukunft in der Musik meine Berufung finden würde. Die Akademie in Aarhus hat mir allerdings viele Türen geöffnet. Es war wichtig, gleichdenkende Leute zu treffen, die vielleicht genau so verloren waren wie ich, um den eigenen Stil und eigene Ideen zu entwickeln. Ich hatte die Freiheit, alles machen zu können, was ich wollte; und das – kombiniert mit dem Ortswechsel und den erstklassigen Einrichtungen – erlaubte mir, meine Kreativität frei laufen zu lassen. Da entschied ich zu bleiben und das war wahrscheinlich die beste Entscheidung, die ich je getroffen habe.

Was kannst du über das Jazzmilieu sagen? Gibt es einen großen Unterschied zwischen Dänemark und Estland?

Ich würde sagen, der größte Unterschied zwischen Estland und Dänemark ist die Landesgröße. Die Jazzszene in Estland ist extrem klein und es kann schwierig sein, erst einmal akzeptiert zu werden und dann aus den Leuten hervorzustechen, die gleichermaßen talentiert und zielorientiert sind. In Dänemark gibt es hingegen eher den Platz für Menschen, die ähnliche Dinge tun, aber jeder hat trotzdem meist sein eigenes Publikum.

Denkst du, dass das Jazzpublikum altert oder dass der Jazz weiterhin ein junges Publikum hat?

Das ist eine wirklich schwere Frage. Ich denke, was wir erkennen müssen, ist, dass Jazz als Genre in steter Entwicklung ist. Ich persönlich kenne so viele Jazzmusiker*innen, die durch Umwandlungen verschiedener und populärerer Stile ein junges Publikum anziehen. Ja, oldschool Mainstream Jazz mag eher ältere Generationen reizen (obwohl ich eine Menge junger Menschen kenne, die ebenfalls total darauf abfahren). Aber wenn wir über Hiphop-inspirierten, Indie oder Electronic Jazz reden, denke ich, dass so etwas definitiv die junge Generation fesselt. Also hängt es wirklich davon ab, was man als Jazzmusik sieht.

Welches war das schönste Kompliment, das du je nach einem Auftritt bekommen hast?

Ich denke das übliche, aber irgendwie ist das beste Kompliment, wenn Leute zu dir kommen und sagen, dass sie die Jazzmusik nie richtig mochten oder verstanden haben, aber dass unser Konzert ihre Ansicht, wie sie Jazzmusik und Jazzsänger*innen wahrnehmen, verändert hat.

Was für Musik hörst du privat?

Ich höre alles und jeden. Es gibt keine Grenzen für mich. Wenn ich mir was auflege, dann soll es mich inspirieren. Und das kann buchstäblich alles mögliche sein – von Klassik zu Mainstream Jazz zu Indie zu Neo-Soul zu Electronica zu Tanzmusik. Derzeit gibt es kein Limit, was natürlich Fluch und Segen zugleich ist, aber es ist definitiv sehr inspirierend!

Welche positiven und negativen Konsequenzen hast du durch die Coronakrise erlebt? Verbringst du mehr Zeit zuhause und arbeitest an neuen Ideen und Projekten, oder vermisst du die Bühne und zu reisen? Wie ist die aktuelle Lage für Musikschaffende in Dänemark?

Das Positivste, an das ich bei all der vielen Zeit denken kann, ist die Arbeit an meiner Stimme. Es war endlich genug Ruhe, um an meiner Gesangstechnik und der Musikalität zu arbeiten. Und ich muss mehr Zeit zuhause in Estland bei meiner Familie verbringen. Das war besonders wichtig, da ich lange außer Landes gelebt habe. Also dafür bin ich extrem dankbar. Ein weiterer Vorteil ist, dass ich mir viel bewusster über meine psychische und mentale Gesundheit wurde. Insofern ist nicht alles so schlecht… Aber unabhängig davon, bemerkt man nun die vielen Dinge, die im System falsch laufen – insbesondere wenn man ein*e Freiberufler*in während einer Krise ist. Wo plötzlich unser Beruf zu einem Hobby degradiert wird, das nicht als notwendiger Teil der Gesellschaft angesehen wird. Wo Leute mit jahrelanger Erfahrung im Geschäft ihre Instrumente verkaufen, ihre Beschäftigung wechseln oder zeitweise eine andere Arbeit finden mussten. Es geht um das Neuerfinden von sich selbst, um in die virtuelle Realität zu passen, wo niemand willens ist, jemanden für die Arbeit zu bezahlen, für die derjenige Leidenschaft hat. Nutzlos zu sagen, dass man nur so viel neu an sich erfinden kann, wenn die Karriere auf Interaktion und das Spielen vor einem Live-Publikum fußt. Alle von uns brauchen einen Plan B, aber gleichzeitig scheint es extrem unfair, unsere Situation mit der von Leuten zu vergleichen, die im öffentlichen Bereich arbeiten und in bezahlten Urlaub geschickt wurden. Ich habe nicht die Absicht als bitter und anschuldigend dazustehen, denn ich habe den Beruf, den ich gewählt habe. Jedoch gibt es kein Fach in der Musikausbildung, das auf das Bewältigen einer Pandemie vorbereitet, während die Regierung unzureichende Unterstützung für die tausenden und abertausenden Menschen leistet, die betroffen sind.

Mit welchem Musiker würdest du gerne mal in der Zukunft spielen? Und in welchem Land oder in welcher Stadt, wo du noch nie warst, würdest du gerne ein Konzert geben?

Ich war nie eine große Visionärin oder Träumerin, aber ich hoffe, dass ich eines Tages regelmäßig außerhalb Dänemarks spielen werde. Ich liebe es total, aufzutreten und neue Menschen zu treffen und aufregende Kulturen zu erleben. Es ist wahrscheinlich albern, angesichts Corona auch nur daran zu denken, das eigene Haus zu verlassen, aber man weiß nie, es könnte ja doch wahr werden!

Worauf freust du dich in Greifswald? Was erwartest du?

Das wird unser erstes Konzert in Deutschland! Wir freuen uns außerordentlich, die absolut großartige Nordischer Klang-Familie kennenzulernen, andere aufstrebende nordische Künstler*innen zu treffen und eine reale menschliche Erfahrung mit den wundervollen Greifswaldern zu haben!

(Das Interview führte und übersetzte Nina Babuliack.)

Lesung mit Bernd Wegner: Ottos Spur – Streifzüge durch die Kulturgeschichte Finnlands im „goldenen Zeitalter“

DO 20.5., 18:00, Institut für Fennistik und Skandinavistik, Ernst-Lohmeyer-Platz 3, SR 106, wenn möglich hybrid

Der Lehrstuhl für Fennistik und der Lehrstuhl für Nordische Geschichte laden ganz herzlich zu der Lesung „Streifzüge durch die Kulturgeschichte Finnlands im ‚goldenen Zeitalter’“ mit Prof. em. Dr. Bernd Wegner (Hamburg) ein. Die Veranstaltung wird von Prof. em. Dr. Manfred Menger moderiert.

Wie war es möglich, dass sich eines der rückständigsten Länder Europas noch vor dem Ersten Weltkrieg binnen zweier Generationen zur modernsten parlamentarischen Demokratie des Kontinents entwickelte? Bernd Wegners Antwort ist klar: Durch Bildung! Der Beweis, den Bernd Wegner in seinem Buch „Ottos Spur“ für diese Behauptung antritt, ist nicht nur interessant, sondern ebenso originell wie überzeugend: Er zeichnet anhand privater Überlieferungen das Leben eines weitgehend unbekannten finnischen Journalisten, Schriftstellers und Politikers im ausgehenden 19. Jahrhundert nach und entwirft dabei das Porträt einer Gesellschaft, die auf dem Wege ist, sich von schwedischer und russischer Vorherrschaft zu befreien und eine eigenständige Nation zu werden.

Bernd Wegner, ein Kind des Ruhrgebiets, Jahrgang 1949, studierte an den Universitäten Tübingen, Wien und Hamburg Geschichte, Philosophie und Politikwissenschaft, beendete seine Studien 1980 mit der Promotion. Danach war er 15 Jahre am Militärgeschichtlichen Forschungsamt in Freiburg tätig, war Lehrbeauftragter am Historischen Seminar der Freiburger Albert-Ludwigs-Universität und unmittelbar nach der Wende Gastdozent an der Ernst-Moritz-Arndt-Universität in Greifswald. Nach seiner Habilitation (1995) durch den Fachbereich Geschichtswissenschaft der Universität Hamburg wurde Bernd Wegner zum Professor für Neuere Geschichte unter besonderer Berücksichtigung der Geschichte Westeuropas an der heutigen Helmut-Schmidt-Unversität Hamburg berufen. Seinem allgemein anerkannten Standardwerk zur Geschichte der Waffen-SS folgten zahlreiche weitere Publikationen, vorwiegend zur Weltkriegsgeschichte, zur Geschichte Finnlands und – zuletzt – zur Stadt Paris unter deutscher Besatzung.

Maja Nielsen Erzählt: Wikinger – Mit den Nordmännern auf Großer Fahrt

Foto privat

Beim Nordischen Klang begibt sich die Kinderbuchautorin Maja Nielsen mit den Wikingern auf große Fahrt und dann heißt es für Schulklassen: „Die Wikinger kommen!“ Viele hundert Jahre lang verbreitete dieser Ruf Angst und Schrecken. Doch die Nordmänner waren nicht nur gefürchtete Krieger und tollkühne Seefahrer, sondern auch wagemutige Entdecker. In offenen Booten befuhren sie den Nordatlantik, immer auf der Suche nach neuen Siedlungsgebieten. Zu den größten unter diesen großen Seefahrern zählen Erik der Rote und sein Sohn Leif. Doch stimmt es, was die alten Sagas erzählen? Ist Leif Eriksson tatsächlich bis nach Amerika vorgedrungen ─ 500 Jahre vor Kolumbus? Gemeinsam mit dem Weltumsegler Burghard Pieske nimmt uns Maja Nielsen mit auf große Fahrt in einem Drachenboot!

Die gebürtige Hamburgerin Maja Nielsen ist seit 1998 als Autorin täftig und sieht darin ihre Berufung. Zu dieser fand sie durch ihre Söhne. Bevor sie mit dem Schreiben begann, studierte Maja Nielsen an der Hochschule für Theater und Musik in Hamburg. Es folgten Theaterengagements, danach kam sie zum Hörfunk und fing mit dem Schreiben an. Ihre Bücher, u.a. die Kindersachbuchreihe „Abenteuer! Maja Nielsen erzählt!“, erscheinen seit 2006 im Gerstenberg Verlag und behandeln die unterschiedlichsten Themen aus Geschichte und Gegenwart.

Fest des Nordens